London

Stell dir vor du bist auf einer Straße. Eher ein großer Schotterweg, der jedoch breit genug ist um befahren zu werden. Um dich herum ist nichts außer gedroschenes Feld. Du gehst gemütlich diese Straße entlang und siehst dich um. Total gedankenversunken spürst du plötzlich eine kleine Erhöhung des Weges und dass der Kies zu rauem Beton gewechselt hat. Um dich herum sind plötzlich blühende Frucht und vereinzelte Scheunen und Hütten. Die Sonne scheint und die Luft ist frisch. Du gehst einen Tick schneller. Du wirst neugierig was dich so erwarten wird, denn es gibt mehr zu sehen. Da bist nicht nur noch du. Es wird noch einfacher zu gehen, denn der Beton ist jetzt glatt und die Straße breiter. Wie aus dem nichts stehst du zwischen Häusern aus rotem Stein mit weißen Säulen, welche das Vordach der weißen großen Eingangstür stützen. Du fängst an zu laufen. Wie als würden sie aus ihrem Versteck springen, ordnen sich die Häuser in Reih und Glied. Du kannst nicht weiter blicken wie bis zum nächsten, doch dahinter stehen weitere. Es hört nicht auf. Sie verschmelzen förmlich zu einer schmal zulaufenden Gasse, an der ein Ende nicht erreichbar scheint. Alles sieht gleich aus und doch wieder unterschiedlich. Du läufst und läufst, nichts sieht so aus, als würde sich jeden Moment etwas ändern. Doch. Da. Der Backstein wird weiß. Die Häuser größer. Die Eingänge pompöser. Alles verläuft von rot zu rosa in einem weißlichen, goldenen Film. Du fängst an zu joggen. Dein Blick mal nach vorne oder zur Seite gerichtet, doch nie zurück. Kein konkreter Anhaltspunkt. Du hast kein Ziel. Gebäude werden größer und größer. Weißer Stein färbt sich gelblich. Du siehst mehr Gold, wie es manchmal hervor blitzt oder einen Schleier über Objekte legt. Was genau es ist kannst du nicht sagen, dafür bist du schon zu schnell. Alles wird enger, alles verläuft mehr zu einem Punkt, zu einer Masse. Auf einmal geht es bergab. Du siehst nicht nur, du hörst jetzt auch. Es wird lauter. Du hörst riesiges Getümmel, alles klingt gleich. Wie ein einziger Ton. Und trotzdem kannst du es irgendwie von einander unterscheiden und einordnen. Betiteln kannst du es nicht, warum weißt du nicht, aber du weißt was es ist. Das reicht. Du musst laufen. Es geht bergauf. Plötzlich kannst du riechen. Manchmal riecht es nach frisch gebackenem Brot, nach Meer, nach nichts und manchmal schlecht. Schlechte Gerüche lassen sich schwerer einordnen. Du läufst links, dann rechts, dann wieder links, bergab, bergauf und quer. Wohin du läufst weißt du nicht. Du steuerst nicht. Irgendetwas anderes steuert. Doch du denkst dir nichts, denn es fühlt sich richtig an. Du fängst an zu rennen. Immer und immer schneller. Wie durch geschmolzene Farbe gemischt mit unerklärlichen Eindrücken deiner Sinne. Du musst lächeln. Du bist immer noch drin, scheinst nicht mehr raus zu kommen. Es stört dich nicht. Du fühlst dich gut. Eigentlich denkst du nur nicht darüber nach wie du dich fühlst. Aber du fühlst dich nicht schlecht, also fühlst du dich gut. Irgendwie. Weiter und weiter, da vorne ist sicher das Ende. Ja genau da. Du atmest schneller. Mehr Eindrücke, mehr rennen. Mehr, mehr, mehr. Noch ein Stück. Die Straße wird breiter, doch sie fühlt sich schmaler an. Du kannst noch, also legst du Tempo zu. Am Horizont sieht es so aus, als wärst du fast da. Du konzentrierst dich nur noch da drauf.

Bald. Gleich.

STOP. Nein, Jetzt.

Du bist plötzlich draußen. Du bleibst stehen. Augen verschlossen. Leicht in den Knien, die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt. Kopf nach unten hängend. Dein Puls rast. Du musst erstmal Luft holen. Irgendwann geht es wieder und du öffnest die Augen. Warte mal. Du bist gar nicht draußen, du bist mittendrin. Den Blick nach oben wandernd drehst du dich im Kreis. Alles leuchtet, alles ist gigantisch. Alles singt, tanzt, lacht und spricht. Es ist komisch zu stehen, denn alles hier ist in Bewegung. Du weißt nicht mehr richtig wie man geht. Du bist in letzter Zeit nur gerannt. Also versuchst du dich an den Menschen um dich herum zu orientieren. Es fällt dir schwer, denn jeder hier ist so anders. Niemand scheint gleich, alles ist so unterschiedlich. Konzentrier dich ein Stück. Du siehst es doch, andere sind nicht dein Masstab. Also legst du einfach los. Du gehst wie du willst. Du tust was du willst. Manchmal drehst du dich noch um. Nein, es interessiert wirklich keinen. Hier kannst du sein was und wer du willst. Hier kannst du lernen zu gehen, ohne ständig rennen zu müssen. Du bestimmst dein Tempo selbst, doch der Rest behält dich in Bewegung. Die Stadt behält dich in Bewegung. So kommst du immer ans Ziel, auch wenn du nicht genau weißt, was dein exaktes Ziel ist. Vielleicht kannst du es auch nur noch nicht betiteln, aber du weißt was es ist. Und das reicht – vorerst.



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