Squamish

An keinem anderen Ort der Welt habe ich so viele atemberaubende Ausblicke auf einmal gehabt. Du musst dich nur im Kreis drehen und innerhalb 360 Grad stößt man ausschließlich auf wunderschöne Sicht. An dem Ort, an dem ich im Moment bin, ist es bis jetzt am unglaublichsten. Und ich dachte nicht, dass das vorher Gesehene so stark zu toppen ist. Ich sitze in 885 Meter Höhe über dem Meeresspiegel auf einer Aussichtsplattform und komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Umgeben von tausenden Tannen und Fichten auf schneebedeckten Hügeln, blicke ich auf die gegenüberliegenden Bergspitzen. Der Gletscher eisblau, die Wälder dunkelgrün, der Fels pechschwarz. Die Sonne scheint und der Himmel ist klar. Ich schaue der Gondel zu, wie sie den Hang auf und ab fährt, sich ihren Weg durch die Baumkronen bahnt und hinter dem Abhang am Fuße des Gebirges im Meer versinkt. Das Wasser türkisblau; die sonnengeküsste Oberfläche schillert. Von hier oben sieht es so aus, als würde das Meer still stehen, als wäre es komplett eingefroren. Trotz der Sonne ist es kalt, denn das andauernd gute Wetter lässt einen schnell vergessen, dass eigentlich noch Winter ist. Ein wenig unterhalb der Plattform erblicke ich ein paar Wanderer, die sich den Berg hoch kämpfen. Bei dem Anblick schmerzen meine Beine gleich wieder. Doch jeder einzelne der gestern erklommenen Meter waren es so wert. Gebt nicht auf ihr da unten, es lohnt sich! Dieses Gefühl, wenn man oben angekommen ist und es endlich geschafft hat, ist unbezahlbar. Der Stolz der in einem aufkommt, wenn man es durchgezogen und nicht kurz vor dem Ziel kehrt gemacht und aufgegeben hat. Was man alles verpasst hätte! Diese Anstrengung, die schlagartig von einem abfällt, wenn man auf dem Gipfel steht. Dieses unermessliche Gefühl von Freiheit. Alles scheint jetzt machbar. Man fühlt sich stark. Alles ist so klein von hier oben. Jedes Problem und jede Sorge sind dort oben auf einmal vergessen. Man sieht ihnen förmlich zu wie sie schon beim Aufstieg Schritt für Schritt immer und immer kleiner werden, denn sie verweilen am Fuße des Steinbrockens. Das Atmen ist plötzlich weitaus mehr als nur Atmen. Es ist unbeschreiblich wie man sich dann wirklich fühlt. Man fühlt sich einfach lebendig. Kommt es dann zum Abstieg wird einem erst wirklich klar, wie weit man gekommen ist. Welche steilen Wege man bezwungen hat und wie weit oben man doch war. Ich bin an die Spitze eines circa 1.500 Meter hohen Berges im tiefsten Winter geklettert. Wenn ich länger darüber nachdenke ist das ziemlich unglaublich für mich. Natürlich ist es keine Höchstleistung, aber das muss es auch nicht sein. Ich habe mir etwas vorgenommen und ich habe es geschafft. Ganz allein. Nur für mich. Die Sonne, die langsam untergeht und die dunkelgrünen Baumkronen in gelblichem Lindgrün erstrahlen lässt. Das Moos an den Baumstämmen, welches durch das Licht eine intensivere Farbe erlangt und der Schnee auf den Zweigen, der anfängt zu glitzern. Allein dafür hat sich jede schmerzende Faser in meinem Körper ausgezahlt. Zugefrorene Seen in Mitten des Gebirges, riesige Wasserfälle an den seitlichen Klippen, gefrorene Bäche, die man unter der Eisschicht jedoch noch fließen hört. Kaum ein Mensch weit und breit. Nur unendliche Weiten von atemberaubender Natur. Niemand der dich stört. Niemand der dich beurteilt. Niemand der nur das Beste für sich selber möchte und auf alles um sich herum nicht achtgibt. Manchmal habe ich die Menschheit echt satt. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Nur wer hätte gedacht, dass ich da mal eine Ausnahme machen kann. Das „Vorurteil“ stimmt. Kanadier sind unglaublich freundlich und zuvorkommend. Keine einzige einheimische Person, die ich bisher traf, war nicht offen, nett oder hilfsbereit. Danke an den Busfahrer, welcher mich, obwohl ich die einzige Mitfahrerin war, trotzdem hier her gebracht hat. Ein Mensch der sich durchgehend mit mir unterhalten, mir Geheimtipps für die Gegend gegeben und mir am Ende ein Ticket für die Gondel geschenkt hat, weil er mich so nett fand. Danke an meinen Gastgeber, der mir jegliche Wanderausrüstung geliehen und mich sogar hingefahren und wieder abgeholt hat, damit er weiß dass mir nichts passiert. Und das umsonst. Danke an den Kerl, der bei mir Geld gewechselt und am Ende nur die Hälfte der Münzen, die den Wert des Scheines hatten, genommen hat, weil er mir so dankbar war. Überall anders erwartet man Hintergedanken und niemand würde einfach irgendetwas so machen. Ist es nicht traurig, dass man skeptisch wird, nur weil jemand nett und freundlich ist? Wir alle können uns echt eine Scheibe von den Kanadiern abschneiden.

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