Whitehorse

Seit Jahren steigt die Rate der Suizide und Selbsttötungsversuche in Kanada extrem, vor allem im Winter. Besonders Jugendliche haben unter Winterdepressionen zu leiden, und ganz ehrlich, mittlerweile kann ich das gut nachvollziehen. Ich liebe den Winter, war immer mehr ein Freund der Kälte als der Wärme. Das tue ich auch immer noch, das Problem hier in Kanada ist nur, dass du im Winter wirklich fast nichts tun kannst. Zu viel Schnee, zu viel Frost, zu viel Kälte. Die Reisesaison ist abgeschlossen, somit schließen auch großteils all die Attraktionen, die es hier so zu sehen gibt. Durch den Mangel an Aktivitäten, fällt man schnell in ein Loch. Ein Loch, in dem man sich zu viel mit sich selbst beschäftigen kann und aus dem Nachdenken nicht mehr hinaus kommt. Denken ist gut, nur überdenken nicht.
So sehr ich alles hier genieße und auch den Winter hier atemberaubend schön finde, bin ich froh, dass das Wetter endlich wieder besser wird. Die Sonne scheint öfter und es wird automatisch wärmer. Der Schnee beginnt zu schmelzen und das Eis taut auf. Es ist vor allem ein atemberaubender Anblick, der Eisschicht der Flüsse und Seen beim brechen zuzusehen. Allein nur dabei zuzuhören ist beeindruckend. Es tut gut, die Wärme nun wieder öfter auf der Haut zu spüren und die Sonne öfter sehen zu können. Die Leute werden glücklicher und das angehaltene Leben in jeder Stadt und jedem Ort fängt wieder an aufzublühen. Die Straßen sind befahrener, die Gehsteige belaufener und all die Gaststätten gut besetzt. Das ein oder andere Grün fängt an zu blühen und bricht somit, wie das Eis der Gewässer, das Grau, welches sich wie eine schwere Decke über die Siedlungen gelegt hat. Die farbigen Schilder der Läden wirken intensiver als zuvor und fluten die Straßen mit einer angenehmeren Atmosphäre. Es ist nicht mehr dieses Gefühl da, dass alle angrenzenden Häuser am Straßenrand über dir zusammenbrechen, sobald du sie passierst.
Whitehorse ist nun wieder eine schöne Stadt, in der man lieber Zeit verbringt. Die alten Fassaden, welche großteils immer noch im Stil des Wilden Westens gehalten sind, stechen nun mehr empor und gestalten die ganze Umgebung urig und gleichzeitig erfrischend anders. Gleise der alten Dampflock grenzen die Häuserkolonien vom fließenden, im Moment noch eher stockenden Wasser ab und bahnen sich ihren Weg bis zum großen weißen Dampfer, welcher die Stadt vom Land abgrenzt.
Nicht weit von diesem Schiff liegt meine momentane Unterkunft. Und meine Laune steigt nicht nur durch das besser werdende Wetter, sondern auch durch diesen Ort und die hier lebenden Personen. Es ist wie ein kleines Zuhause am anderen Ende der Welt. Alles ist zugepflastert mit Fotos, Postkarten und Sprüchen. Wieder einmal eine Couch vor einem großem Fenster. Mir gefällt das. Mir gefällt es auch, alleine sein zu können, aber nicht einsam sein zu müssen. Du kannst jederzeit Kontakt zu den anderen aufnehmen, aber auch deine Privatsphäre und deine Zeit für dich selbst haben, wenn du das möchtest. Es ist schön, seinen Kaffee nicht immer alleine trinken zu müssen, sondern auch mal zusammensitzen und ewige Verschwörungstheorien und Feststellungen aufstellen zu können. Manchmal zusammen ein Morgenmuffel, manchmal ein Morgenmensch sein. Mal mehr reden, mal weniger. Einfach die Gesellschaft genießen zu können, reicht schon aus.
Und ich habe gute Gesellschaft. Gesellschaft, welche mich zwar dazu überredet zu viel Whiskey und Rotwein zu trinken, doch mir, mit Ausnahme eines Katers, nur Gutes tut. Mit der man sich über bisherige Erfahrungen austauschen und die sich wirklich gut in dich hineinversetzen kann, denn sie ist genauso wie du eine fremde Person in einem gar nicht so fremd wirkenden Land. Eine Kleinigkeit, die Unbekannte zu Bekannten macht und sie somit in irgend einer Art und Weise verbindet. Eine Verbundenheit, die Interesse weckt, mehr zu erleben und auch neue Gesellschaften und spontane Entscheidungen zu treffen, welche man bei dem guten Wetter noch lieber trifft.

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