Ungebetene Passagiere

So gut wie es mir in diesem Hostel auch gefällt, es wird Zeit weiter zu reisen. Ich bin meinem Ziel so nahe, dass ich es kaum fassen kann. Bis jetzt hatte ich immer Glück mit meinen Fahrern und Streckenzielen. Jeden Ort, den ich angepeilt habe, habe ich an einem Tag erreicht, wieso sollte sich daran jetzt etwas ändern? Von Whitehorse nach Fairbanks sollte doch machbar sein, irgendwer wird schon dorthinfahren. Nur ein kleiner Fußweg von circa einer Stunde bis zu einem guten Platz an der Autobahn. Soweit ist das nicht, du bist schon längere Strecken gelaufen.
Fuck ist das weit! Als ich mich umdrehe und bemerke, dass ich nicht einmal die Hälfte des Weges gelaufen bin, macht es das echt nicht besser. Zugegeben, es wäre ohne den Kater, der auf meinen Schultern sitzt und dem Alkohol, der noch immer schwer durch meine Blutbahn fließt, einfacher. Das wird heute sicher spaßig. Den Hügel am Stadtrand erklimmend, mich fühlend wie ein Alpenexpeditör, beginne ich mir Sorgen zu machen, ob ich wirklich heute alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Wo bleibt der Optimismus Nicola! Das wird schon alles klappen.
Ein Auto hält für mich an um mich ein Stück weiter an einen besseren Platz zur richtigen Abzweigung zu bringen. Mein Blick wandert lose durch das Auto bis er den Seitenspiegel trifft und mich fast der Schlag. Ich seh ja manchmal fertig aus aber heute toppe ich echt alles. Ein Wunder, dass der Mann für mich angehalten hat. Schnell wende ich den Blick wieder ab. Das kann ja keiner ertragen. Hoffentlich rieche ich nicht nach Alkohol. Ein wenig später hält eine Frau für mich an. Das ist das erste mal, dass eine Frau anhält, was mich sehr freut. Wir unterhalten uns über verschiedenste Dinge und sie bringt mir etwas über die Geschichte der Umgebung bei. Alles sehr interessant, nur fällt es mir schwer zu reden. Ich gebe mir trotzdem Mühe.
1,5 Stunden später erreichen wir ihr Haus. Und das ist mitten im nichts. Klasse. Es ist noch früh, irgendwann wird schon jemand kommen. Ein Pick Up fährt ständig an mir vorbei, die Straße auf und ab. Komischer Fahrstil. Nach einer halben Stunde regt es mich auf. Was ist eure Mission? Bringt mich lieber in die nächst liegende Ortschaft! Ich entschuldige mich geistig bei Ihnen und mir selbst. „Tut mir leid, dass ich heute so zornig bin, mir ist schlecht und kalt.“
Als hätten sie mich gehört, halten sie plötzlich neben mir an und fragen nach, ob sie mich in die nächste Ortschaft bringen sollen. Zufälle sind manchmal echt gruselig. Es ist ein sehr nettes Paar, das heute frei hat und deswegen einen Ausflug macht. Was für ein Ausflug es ist, die Straße im Nirgendwo auf und ab zu fahren ist mir zwar ein Rätsel, aber ich frage nicht weiter nach. Ein wenig später erreichen wir eine Ortschaft, ich bedanke mich und suche einen guten Platz zur Weiterfahrt.
Eine weitere Frau sammelt mich auf. Es freut mich erneut, bis ich die Beifahrertüre öffne. Eine Cannabiswolke kommt mir entgegen. Das hat mir gerade noch gefehlt! Mein Kater, auf meiner Schulter liegend, sträubt sein Fell und presst seine Krallen fauchend in meine Haut. Er mag es nicht. Mir wird schlagartig noch schlechter. Da musst du jetzt durch. Es ist eine First Nation Lady, welche von einem Geschäftstrip wieder kommt. Wir reden eine Weile und sie scheint sehr nett zu sein. Sie erzählt mir von den Plänen, ein eigenes Restaurant zu eröffnen und dass sie dort typische „Ureinwohnerküche“ anbieten möchte. Essen. Wäre vermutlich nicht schlecht, vielleicht geht es mir dann besser. Gefangen im gedanklichen Zwiespalt, ob essen jetzt gut wäre oder alles schlimmer macht, höre ich ihr nicht mehr zu. Im sorry.
Eine Weile später reißt mich jedoch einer der schönsten Anblicke, die ich je hatte, aus dieser Trance. Wir durchqueren einen Nationalpark, die Straße direkt am See entlanglaufend, welcher komplett zugefroren ist, was mich wegen seiner Größe sehr erstaunt. Eine Brücke führt uns zur anderen Seite. Nun läuft die Straße nicht nur parallel zum Wasser, sondern auch zur Bergfront. Kein Meter dazwischen. Genau entlang der Berge am atemberaubenden Wasser. Der Anblick überanstrengt mich wohl ein bisschen, sodass ich einschlafe. Was ist heute nur mit mir los?!
Ich werde wach als wir eine Tankstelle mit zugehörigem Motel und Restaurant erreichen. Endstation für mich. Es fahren wenige Autos hier lang. Wenigstens die Grenzüberquerung möchte ich heute schaffen und das sollte machbar sein. Diese liegt schließlich nur circa zwei Stunden entfernt. Ich öffne die Türe, steige aus und sofort trifft mich eine Windböe, welche mich fast umwirft. Heidewitzka! Das kann ja was werden. Es ist ein Kampf zum Fahrbahnrand. Jetzt heißt es nur noch warten. Nur dieser verdammte Wind macht das nicht leichter. Im Gegenteil. Ich muss mich schon wirklich dagegen stemmen, damit ich nicht die komplette Straße entlang bis zum Horizont weggeweht werde.
Mittlerweile warte ich schon mehr als zwei Stunden. Autos fahren kaum welche vorbei; die meisten fahren nur ums Eck nach Hause in die Pampa. Es ist unglaublich anstrengend. Ich gehe rüber zur Tankstelle und kaufe mir einen Müsliriegel. Vielleicht geht es mir dann besser. Ein weiterer Kampf gegen den Wind zurück zum Wartepunkt und eine Riegellänge später geht es mir kein bisschen besser. Mittlerweile steh ich hier schon fast vier Stunden!
Gefühlte 30 Nervenzusammenbrüche und diverse laute Fluchattacken meinerseits bewegen mich dann doch dazu, erstmal eine Pause zu machen und mich in das Restaurant zu setzen, um ein bisschen aufzuwärmen und durch die großen Fenster die Straße im Blick zu behalten. Der Raum ist riesig und außer mir sind hier nur noch ein, zwei weitere Gäste. Und mittendrin die kleine Nicola mit einer klitzekleinen Chance auf eine Mitfahrgelegenheit in den nächsten 24 Stunden.
Wie das wohl weiter geht?

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