Bitte keinen Bacardi!

Ich muss immer noch sehr fertig aussehen. Vermutlich noch schlimmer. Die Bedienung eilt sofort zu mir, bringt mir Wasser und erkundigt sich nach meinem Befinden. „Im fine.“ Lüge. Ich hätte am liebsten geheult. Ich bestelle nun doch etwas zu essen und unterhalte mich ein wenig mit ihr. Nach ihrer Erfahrung kommen später immer mehr Autos und vor allem Trucker. „Wir haben bis 10 geöffnet, die Bar bis 11. Du kannst solange hier warten. Irgendwer wird dich schon mitnehmen.“ Ihr Zuspruch ermutigt mich ein bisschen. Also warte ich. Und warte. Und nicht nur mich, sondern auch die Kellnerin überrascht es, dass seitdem ich diese Türe betreten habe, nichtmal EIN EINZIGES Auto vorbei gefahren ist. „Wir haben auch ein Motel hier. Zur Not kannst du dir ein Zimmer nehmen.“ Ich lächle sie nur an. Ich will nicht bleiben. Außerdem ist es zu teuer. Kurz vor halb 10 wechsel ich rüber in die Bar. Ein paar junge Leute spielen Billiard, im Eck zwei Herren im mittleren Alter. Sie kommen mir bekannt vor. Ich setze mich ins andere Eck und schaue einen Film zu Ende, den ich noch gedownloaded hatte. Mehr gibt es hier nicht zu tun. Irgendwann kommt einer der Männer zu mir an den Tisch und fragt mich, ob ich die bin, die heute so lange am Fahrbahnrand stand. Danke für die Erinnerung, ja die bin ich. Sie bitten mich an ihren Tisch, meinen sie haben mich gesehen und es hätte Ihnen fast das Herz zerrissen, mich da so alleine stehen zu sehen. Jetzt weiß ich wer ihr seid. Ihr seid die Trucker, die mich beim Fluchen beobachtet haben. Zum Glück können die kein Deutsch. Zum Glück wissen die auch nicht, dass ich auch über sie geflucht hab. Tut mir leid. Sie erzählen mir, dass sie auch stecken geblieben sind, da sie einen Motorschaden haben und nun auf Hilfe warten müssen. Es sind zwei Russen; der eine spricht sehr schlechtes Englisch der andere relativ gut. Dank meiner Mutter, meiner Freundin Sandra, einigen Dokumentationen, Büchern und Dovgan verstehe ich ein paar Fetzen von dem was sie sagen. Und relativ schnell, als ihnen klar wird dass ich sie ein wenig verstehen kann, werde ich ihr bester Freund. Sie bestellen mir Tonnen von Essen. „Ich muss noch wachsen.“ Mir wird ein Glas nach dem anderen hingestellt. Ich rieche am ersten und mich überkommt erneut die Übelkeit. Um Gottes Willen: Bacardi. Sie erzählen und artikulieren wild von ihren Abenteuern, während sie wegsehen, fülle ich ihr Glas mit dem Inhalt aus meinem. Es tut mir leid, wir trinken ein anderes mal. Heute trinkt ihr einfach für mich mit. Ich erzähle ihnen auf Nachfrage von meinem Plan und der bisherigen Reise und sofort stellen Sie sich zur Hilfe bereit. Sie bieten mir an, dass ich in Ihrem Truck übernachten kann, sie wollen nicht dass ich erfriere. Sie sind selber Väter von Töchtern und können den Gedanken, mich alleine zu lassen, nicht ertragen. Ist doch eh alles schon egal, also nehme ich das Angebot an. Es spart mir immerhin 110 $ und ich wollte schon immer mal in einem Truck übernachten.
Nach Schankschluss verlassen wir die Bar und treffen am Parkplatz einen Trucker, der gerade eingetroffen ist. Ein Ukrainer. Sie kennen sich, treffen sich ab und zu auf der Strecke. Also schildern sie dem anderen Fahrer die Situation und auch er erklärt sich sofort bereit mir weiter zu helfen. Er fragt mich wohin ich möchte, und ich erörtere ihm den Plan von Fairbanks und dann Anchorage. „Gut, gut, das machen wir. Morgen um 7 Uhr fahren wir los.“ Ich bedanke mich bei allen dreien und wir begeben uns zum Truck. Ich schlafe oben. Es ist sehr warm aber gemütlich. Meine „Retter in der Not“ hingegen warten auf ihre Ersatzteile, die um 3 Uhr nachts dann auch eintreffen.
Der nächste Morgen ist schnell da. Der Ukrainer gibt uns mit Lichthupe das Signal, dass er startklar ist. Ich verabschiede mich von den zwei netten und hilfsbereiten Russen und wünsche Ihnen viel Glück, laufend über den dunklen Parklpatz zum nächsten Truck. Also: weiter gehts.

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