Geistiger Zwiespalt

Das Wetter ist gut. Die Sonne ist dabei aufzugehen. Mein heutiger Trucker heißt Andri. Er wohnt seit langer Zeit in Kalifornien und fährt diese Strecke seit mehreren Jahren. Er ist klug. Weiß relativ viel über Biologie und Agrarwissenschaften, also genau mein Ding. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir die Grenze. Mir war bange, dass ich eventuell mit einem Truck diese nicht überqueren darf, doch alles läuft prima. Die Beamten sind nett, sie stellen nicht mal eine Frage. Nach dem ganzen Papierkram und dem Stress der vergangenen Tage, kann ich endlich wieder atmen.
Und plötzlich realisiere ich wo ich gerade bin. Ich habe es geschafft! Ich bin in Alaska! Durch meine eigene Kraft und Arbeit habe ich mir endlich diesen Traum erfüllt. Es fühlt sich so gut an. Total begeistert und mit leuchtenden Augen schaue ich mir die Gegend an. Andri erzählt mir alles was er so über Alaska weiß, hauptsächlich witzige Fakten. Und von denen weiß er viele. Ich mag Menschen, die Unsinnigkeiten Beachtung und Faszination schenken. Wir hören uns gegenseitig zu und erzählen uns viel. Zwischendrin reden wir Stunden garnicht, aber das ist ok. Alles ist ganz entspannt, er freut sich einfach nur Gesellschaft zu haben. Trucker haben echt einsame Leben. Die Landschaft ist wie auch in Yukon und British Columbia atemberaubend, jedoch überall ein wenig anders. Ich liebe einfach alles daran. Nach einiger Zeit erreichen wir Tok. Die erste Ortschaft nach der Grenze. „Komm wir gehen Frühstücken.“ Das war keine Frage, das war ein Befehl. Nichtmal zahlen darf ich. „Du bist mein Gast für heute. Keine Wiederrede.“ Na gut, na gut. Die Bäuche sind, voll also wieder zurück auf die Straße. Noch ungefähr drei Stunden bis nach Fairbanks. Wir durchqueren vereinzelte Ortschaften, nichts Besonderes zu sehen. Zumindest nicht bis zum kleinen Städtchen North Pole. Wie man sich das vom Namen her schon denken kann, ist diese Stadt das Zuhause vom Weihnachtsmann 🙂 Alle Laternenpfähle sehen aus wie Zuckerstangen, überall Eisskulpturen und Lichterfiguren. Verschiedene Läden passend zum Thema, eine Rentierfarm und natürlich das Haus vom Weihnachtsmann. Zur passenden Saison ist es hier sicherlich toll.
Ein wenig später erreichen wir Fairbanks. Und was soll ich sagen: Was für eine hässliche Stadt. Der Trucker muss meine förmliche Begeisterung gespürt haben als ich ihn ansah. „Ich fahre übermorgen weiter nach Anchorage, wenn du möchtest, nehme ich dich gerne dahin mit. Ich willige ein. Wenn sich schon so eine gute Gelegenheit bietet wäre es wirklich dumm nein zu sagen. Es ist mittlerweile später Nachmittag und wir beschließen nach Downtown zu laufen und irgendwo einen Happen zu essen. Wir kennen beide niemanden hier, also warum sich nicht gegenseitig Gesellschaft leisten? Davor bucht sich mein heutiger Chauffeur jedoch noch ein Hotelzimmer um duschen gehen zu können. „Ich benutz das Badezimmer mit und du kannst hier schlafen, einverstanden?“ „Was?“ „Ich bin meinen Truck gewöhnt, du hast mich schon verstanden.“ Ich kann es nicht ganz fassen. Er hat erzählt, dass er er jede Woche von Kalifornien bis nach Alaska fährt. Eine Strecke, für die man hin und zurück eine ganze Woche braucht. Dieser Trucker muss echt verdammt einsam sein. Ich fühle mich schlecht, nehme das Angebot jedoch an. Es ist ja nicht, dass ich um einen Gefallen bitte und ihm im Gegenzug ein offenes Ohr schenke. Er macht es einfach so. Und er freut sich, wenn er mich einladen kann. Alle tun das. Und dafür bin ich wirklich unendlich dankbar; trotzdem fühlt es sich komisch an. So als würde ich mich auf eine eigenartige Art und Weise „prostituieren“, ohne es darauf anzulegen. Keiner dieser Menschen fasst mich an oder bringt anzügliche Kommentare. Alle wollen nur helfen und ,nun ja, nur ein bisschen Gesellschaft. Daran ist doch nichts verkehrt, oder?

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