Endlich Kaffee

Es klingelt. Was für ein komischer Ton. Habe ich sonst nicht einen anderen Wecker? Muss wohl im Traum sein. Es klingelt noch einmal. Oh Gott, lass das bitte nur einen Traum sein! Aber es ist keiner. Ich drehe meinen Oberkörper nach links und mein verschlafener Blick fällt auf das Telefon auf dem Nachtkästchen. Es blinkt. Mein Körper braucht einen Moment, um die Grundmotorik hochzufahren, bis ich schließlich zum Hörer greifen kann. „Guten morgen. In 40 Minuten bin ich da. Ich ruf dann nochmal an. Bis gleich.“
Noch nicht wach genug um zu antworten lege ich auf. Wie spät ist es überhaupt? Warum hat mein Wecker noch nicht geklingelt? Ich bin mir sicher, dass ich einen gestellt habe. Er ist gestellt. Auf 5:30 Uhr. Und jetzt ist es …? Egal. Andri ist viel zu früh dran. Mist! Es hilft nichts. Wenn ich mich jetzt nochmal hinlege braucht es einen Knüppel um mich aufzuwecken. Ich brauch nen Kaffee! Ich hab keinen Kaffee. Doppelt Mist!
Ok, gut, schnell die letzten Sachen packen und ins Bad gehen. Das muss auch ohne Kaffee zu schaffen sein. Klar ist es das. Aber schwer fällt es mir schon. Wär ich lieber früher schlafen gegangen. Erneut klingelt das Telefon. Ein kurzes Gemurmel in den Hörer später wird es Zeit aufzubrechen.
Draußen ist es noch dunkel. Die Straßenlaternen leuchten schwach in orangenem Licht und in der Ferne wechseln die Ampeln ihre Farbe von rot zu grün und umgekehrt. Da ist er auch schon. Schnell eingestiegen und los geht’s. Mehr als 300 Meilen sind es bis nach Anchorage. Alles machbar, lange Stecken bin ich ja mittlerweile gewöhnt. Jetzt hoffe ich nur noch, dass das Wetter nicht schlechter wird. Bis jetzt sieht es ganz gut aus.
Doch ein bisschen zu früh gehofft. Einige Kilometer weiter schneit es bereits. Der Schneestaub jagt wie kleine Tornados über die Straßen und bleibt an manchen Stellen am Schwarzeis hängen. Wie kleine Nadeln aus Eis sieht der Schnee aus, welcher die Windschutzscheibe des Trucks attackieren will. Ist das Fernlicht nicht an, wirkt es wie ein leichter Niesel; doch kaum legt man den Schalter um, fühlt man sich fast übermannt von der Schneearmee. Immer mehr von der weißen Pracht bleibt auf der Straße liegen, sodass der gelbe Mittelstreifen nur noch ganz leicht durchschimmert.
Es ist noch immer sehr dunkel, der Himmel blau, die Bäume, zwischen denen wir fahren, fast schwarz. Am Horizont sieht man ab und zu, aufgehend wie eine kleine Sonne, das Licht eines entgegenkommenden Autos. Nicht sonderlich oft, da es noch sehr früh ist. Die Straße bahnt sich ihren Weg über Hügel und Berge hinauf und wieder hinab. Auf dem höchsten Punkten ist die Sicht trotz der Dunkelheit atemberaubend. Das Tal wirkt Lichtjahre weit weg, tief unten am Fuße der Gesteinsbrocken. Nur ein paar Bäume, die die Fahrbahn vom Abhang trennen. Zugefrorene Seen, Gletscherteile und Schnee reflektieren das Licht des Mondes, welcher dabei ist sich schlafen zu legen. Umso weiter wir kommen, desto schneebedeckter die Landschaft, so wie auch die Straße. Es wird schwerer zu fahren. Hoffentlich gibt es nicht auch noch einen Eisregenschauer! Mein Geist ist erstaunlich wach, mein Körper ist es jedoch nicht. Die Augenlieder, schwer und angeschwollen, machen es mir nicht einfach; trotzdem will ich alles sehen, was die Landschaft so zu bieten hat. Auch schneebedeckt sieht alles hier atemberaubend aus. Der Himmel wird heller, bekommt jedoch nun einen grauen Unterton. Schwer zu sagen, was ich davon halten soll. Brücken aus Stahlkonstrukten liegen vor uns. Im Wettergrau sehen sie alle irgendwie unheimlich aus. In der Umgebung gibt es viele Militärstützpunkte. Die Kasernen liegen wie halbierte Konservendosen im Schnee. Alles wirkt so verlassen. Und ermüdend. Ich schlafe ein. Zwischendrin wecken mich die unebenen Straßenhuggel, die den Truck förmlich springen lassen.
Als ich die Augen öffne, sind die Straßen wieder frei. Wir sind aus der Wolkenfront raus, es schneit nicht mehr. Statt Wolkenfront ist da jetzt eine Bergfront. Alles ist so riesig, dass man sich sogar in einem großen Truck klein fühlt. Gefrorene Flüsse begleiten die Fahrbahn eine Weile und bahnen sich ab und zu ihren Weg unter der Straße hindurch. Meinen Blick durchgängig zum Fenster gerichtet, höre ich hinter mir nur ein kurzes „Denali Park.“ Ich schätze es sehr, dass Andri mich erstmal aufwachen lässt. Inmitten des Parkes ist eine Art Anlage mit Resorts und vielen kleinen Läden. Alle Gebäude sind Blockhütten – wie im Bilderbuch. Zur dieser Jahreszeit ist jedoch alles noch geschlossen. „Öffnet wieder in einem Monat, dann tobt hier das Leben.“ Ich entgegne nur ein Grummeln. Eine typische Unterhaltung zwischen uns. Ich höre ihm gerne zu. Das reicht ihm und das reicht mir, so muss ich nicht andauernd reden. Vor allem hab ich immer noch keinen Kaffee! Da bin ich physisch und auch psychisch noch nicht in der Lage zu antworten. Grummeln ist gut. Grummeln kann alles bedeuten, aber man zeigt wenigstens Anteilnahme am Gespräch.
Wir erreichen eine Tankstelle. Endlich Kaffee! Sie haben eine tolle Auswahl von den Kaffeesorten aus North Pole, sprich alles ist sehr weihnachtlich. Ich entscheide mich für snickerdoodle. Ich mag das Wort doodle. Kauf einfach deinen Kaffee und halt die Klappe Nicola!
Die Straßen sind wieder vereister, mein Körper und auch mein Geist tauen jetzt jedoch auf. Auf der restlichen Strecke passiert nicht wirklich was Besonderes. So gerne ich auch unterwegs bin, bin ich auch froh, bald anzukommen. Und so nett mein Fahrer auch ist und so sehr dankbar ich ihm auch bin, bin ich doch froh, wenn ich wieder alleine bin. Trotz all dem ist er schließlich immer noch ein Fremder.
Nicht jeder Mensch, den du triffst und mit dem du Zeit verbringst, wird automatisch ein Freund. Und das ist auch gut so.

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