Anchorage

„Bist du bereit?“ „Aber sowas von.“ Ich richte meine Jacke und meine Kapuze, schließe die Eingangstüre hinter mir und laufe auf das Auto vor dem Haus zu. Schwungvoll auf den Beifahrersitz des schwarzen SUVs gesetzt und bereit los zu fahren. Am Steuer mein aktueller Mitbewohner, genauso abenteuerdurstig wie ich. Wir sehen uns kurz an und müssen lächeln. Motor an, Musik laut aufgedreht und ab auf die Straße. Alles im Auto riecht noch ganz neu, selbst die Schutzfolien sind nicht abgezogen. Ich mag diesen Geruch irgendwie. Ich fahre mit meiner Hand über das Leder des Sitzes. Es ist weich. Die Scheiben sind groß und blitzblank. Ich bin gerne Beifahrer. So kann ich mich vollkommen auf meine Umgebung fokussieren und ausgiebig beobachten. Ich kann sprechen wie ein Wasserfall oder Schweigen wie ein Grab, egal was ich tue, ich muss mich nicht konzentrieren. Ich kann viel nachdenken oder einfach mal an nichts denken, egal wofür ich mich entscheide, ich kann für einen Moment jegliche Verantwortung ablegen und jemand anderem geben. Und das ist manchmal wirklich erfrischend, denn wann kann man das schon. Egal in welcher Situation du bist, du trägst immer ein Stück Verantwortung, und diese kann manchmal zu einer großen Last werden. Je älter man wird und umso erwachsener man sein muss, desto mehr wird einem aufgeladen. Nur ob man überhaupt erwachsen sein will, dass fragt einen wohl keiner. Das muss dann anscheinend akzeptiert werden. Dass ich manchmal trotzdem lieber ein Kind wäre, ohne all die Last, ist, trotz dem unvermeidlichen erwachsen werden, ein Fakt. Ich verstehe nicht wie man sich darum schlagen kann, endlich zum Kreis der ausgewachsenen Menschen zu gehören. Hier bitte, eine dieser nach Erwachsensein-lechzenden Personen, nimm mir das Erwachsensein ab und lass mich ein Knirps sein!
Wenn ich mich dann also ins Auto auf den Beifahrersitz setzen kann, ist es wie endlich ein bisschen mehr Kind sein zu können.
Manchmal hoffe ich nur, dass umso länger ich durch die Gegend fahre, desto kleiner ich wieder werde. Wie eine Zeitmaschine, die mich dort hin bringt wohin ich möchte. Und dass das ein kindlicher Gedanke ist, ist mir bewusst, doch das ist ja genau der Punkt. Ich will gar nicht immer wie eine Große denken müssen. Ich möchte meine Fantasie nicht immerzu einsperren müssen, ernst sein und alles durchdenken. Ich will ab und zu impulsiv und gefühlsduselig in meiner Gedankenblase schweben. Und auch wenn ich nicht wieder klein werde; sobald ich mich in einen PKW setze und durch die Gegend gefahren werde, ist es für mich trotzdem ein wenig wie eine Zeitmaschine. Sie bringt mich dahin wo ich hinmöchte und die Zeit vergeht wie im Fluge.
Die umliegende Gegend zieht an dir wie in einem bunten Streifen vorbei, sodass du gar nicht wirklich sagen kannst was dich umgibt. Wie eine Reise im Schall. Manchmal ist alles auch ganz scharf und deutlich was dort hinter dem Fenster liegt,sodass du jede Kleinigkeit daran wahrnehmen kannst. Wie als wär die Welt für einen Moment angehalten und alles bewegt sich in Zeitlupe.
Es ist egal ob du eine Endstation hast oder nicht, du passierst Landstriche welche älter sind als Dinosaurier. Ist diesen Dingen und ihrer Historie nahe zu sein, nicht manchmal Zeitreise genug?
Es ist nicht wichtig ob du ein Ziel hast oder nicht, manchmal muss man sich erst auf den Weg begeben, um ein Ziel vor Augen zu bekommen. Manchmal ist auch der Weg im Nachhinein das erstrebenswertere Ziel als der Punkt, an dem dein Trip endet. Und heute ist es garantiert das zweite, vielleicht aber auch beides.
Mittlerweile hat sich die Szenerie von Hochhäusern, zur Vorstadtsiedlung bis zur unbewohnten Landschaft gewandelt und die Karosserie steuert direkt auf eine Bergfront zu. Der Himmel ist grau und es ist bewölkt und leicht neblig. Es fängt an zu regnen. Ich halte meinen Handrücken gegen das kühle Fensterglas und sehe den Regentropfen beim herablaufen an der Scheibe zu. Alles andere wird unscharf. Da sind nur noch die vereinzelten Tropfen, welche Muster über das Glas spannen. Manche laufen alleine, manche treffen zusammen, manche trennen sich. Es ist interessant wie schnell und einfach sich der Fokus des Auges verschieben lassen kann. Ich wünschte, das würde auch bei anderen Angelegenheiten funktionieren. Ich beobachte weiter das Rennen der Wassertropfen, bis auf einmal mein Fokus zurück hinter das nasse Fensterglas gerissen wird und mein Atem für eine Sekunde stockt. Es ist einer dieser Momente, in denen mein Herz für eine Sekunde still steht und alles kurz auf lautlos gestellt wird. Es ist das volle Maß an Überwältigung, welches nur selten eintritt. Ich bin überwältigt von der unberührten Schönheit der so reinen Natur. Es sind vermutlich die Kleinigkeiten, welche man oftmals vergisst, die einen für eine Sekunde sprachlos machen. Wir fahren in einem Bogen an den Felsen vorbei und vor uns offenbart sich das eisblaue Meer, überseht mit tausenden Splittern aus Eis, auf denen sich der graublaue Himmel spiegelt. Wie ein riesiger zerbrochener Spiegel. Die Bergspitzen des Gebirges am Horizont sind in Wolken und Nebel getaucht, sodass du nur schätzen kannst wie hoch diese wohl ragen mögen. Das Gestein der Berge und des Schotters an der Küste wirkt fast pechschwarz durch das trübe Licht und durch den übrig geblieben Schnee wie zersprungener Granit, der im verbleibendem Tageslicht leicht glitzert. Es fühlt sich so an, als würde das komplette Universum zerspringen, wenn ich nun ausatme und mein Atem das schon zerrissene Eis berührt. Ein intensives Gefühl dass sich nun in mir innen anstaut und mich wünschen lässt, dass es jedesmal ein absurder Gedanke wäre, wenn etwas zu zerbrechen scheint. Ich atme aus und nichts passiert. Ich atmete gestern, ich atme heute und werde morgen atmen und alles ist gut. Nichts wird in tausende von Scherben zerspringen wenn ich oder du atmen.

Solche Momente, wie heute machen das erwachsen werden tatsächlich nur noch halb so schlimm und es tut weniger weh das Kleinkind angeschnallt auf dem Beifahrersitz zurück zu lassen, wenn ich aussteige.

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