Hoffnung

Meine Sachen sind gepackt und stehen bereits unten neben der Eingangstür. Ich checke nochmal mein Zimmer, ob ich ja nichts vergessen habe. Ich kenne mich doch und ich möchte nicht noch einmal neue Kopfhörer kaufen müssen. Ein schneller Blick auf die Uhr. Gut ein wenig Zeit für einen Tee oder Kaffee bleibt mir noch. Natürlich entscheide ich mich für Kaffee. Die Hände auf die Küchentheke gestützt und den Blick aus dem Fenster gerichtet, höre ich der Kaffeemaschine beim surren zu. Es ist ein angenehmes Gefühl. Genauso wie zu sehen, dass die Sonne scheint. Es macht mich ein wenig traurig zu gehen und gleichzeitig freue ich mich darauf. Ich freue mich auf die Landschaft. Endlich wieder rum kommen und neues sehen. Ich freue mich auf Canada. Noch mehr schönere Landschaft und nettere Menschen. Viele Menschen hier in Alaska sind auch sehr nett, so ist es nicht. Sie sind nur anders. Ich freue mich besonders auf den Landstrich im Nationalpark, den ich schon auf meiner Hinfahrt durchquert habe. Ich weiß nicht was es ist, aber dieses Stück Erde hat es mir angetan. Nur freue ich mich nicht darauf zu trampen. Ich bin schließlich nicht mehr in Canada, sondern in Alaska. Die Menschen sind hier irgendwie anders und die Bevölkerungsdichte geringer. Zudem ist es auf Dauer sehr anstrengend. Das Warten, das Schleppen meines Rucksacks, das dauernde Lächeln und Freundlichsein und das ständige Neuerzählen meiner Geschichte. Die meisten Menschen, die mich mitgenommen haben, waren alle sehr nett und hilfsbereit, nur manche Menschen haben einfach etwas an sich, was sie unsympathisch oder gruselig macht. Es ist ja nie etwas passiert, aber komisch war es manchmal trotzdem. Ich habe heute das erste Mal Bange an weitere mir suspekte Leute zu geraten. Warum kann ich mir selbst nicht wirklich beantworten. Vielleicht ist heute auch nur einer dieser Tage, an denen man auf soziale Interaktion verzichten könnte … Nur nicht die Hoffnung aufgeben, das wird schon.
Ein weiterer Blick auf die Uhr. Es wird Zeit. Das Wetter ist immer noch sehr sonnig und schön. Es muntert mich auf. Nach circa einer Stunde Busfahrt erreiche ich eine gute Stelle am Highway. Hoffentlich muss ich nicht zu lange warten. Das Feststecken in Destruction Bay nagt immer noch an mir. Das ist das Ding mit einem Kontrollzwang. Geschieht etwas nicht wie geplant, lässt es einen schnell die Fassung verlieren. Deshalb setze ich meine Ziele heute niedriger. Bis nach Tok möchte ich kommen, dann bin ich zufrieden. Ein weißer Lieferwagen hält für mich an. Ich laufe vor zum Fahrerfenster und blicke einem mittelalten Mann mit klischeehafter Pädo-Brille ins Gesicht, der Wagen voll mit Werkzeug. Na das fängt ja super an. Hab Hoffnung in die Menschheit! Weg mit dem Klischeedenken! Wie sich herausstellt ist er ein ganz netter Mann. Er bringt mich bis nach Palmer. Dort gabeln mich zwei Frauen mit einem Mädchen auf. Sie fahren nur ein kleines Stück weiter, nur wollen sie mir unbedingt helfen. Meine Reise mit ihnen endet an einer kleinen Tankstelle mit Bistro. Besorgt redet eine der Damen mit dem Besitzer, damit dieser mir helfen kann eine Weiterfahrt zu ergattern, das Mädchen bastelt mir ein Schild, damit die Leute wissen wo ich hin möchte und die Dame am Steuer besteht darauf mir eine Mütze und 20 Dollar zu schenken. Mir geht das Herz auf. Es war doch eine gute Entscheidung heute weiter zu trampen. Mein Tag wird automatisch besser. Ein Schild, eine Mütze, 20 Dollar und ein gesponsortes Wasser vom Tankstellenmann reicher, bin ich bestens für das Kommende gerüstet. Nach kurzer Zeit nimmt mich ein weiterer Mann mit, der aus dem Bistro mit Kaffee in der Hand kommt. Danke lieber Tankstellenmann. „Bereit für die Reise nach Glenallen?“ „Absolut.“ Es ist ein Rentner, welcher nebenbei für ein paar Menschen Erledigungen tätigt, weil ihm sonst zu langweilig wird. Heute bringt er diesen Lieferwagen zurück. Ein weiterer Mensch, der auf Anhieb sympathisch ist. Die Landschaft zwischen Palmer und Glenallen ist atemberaubend. Mein Fahrer weiß viel über die Gegend und klärt mich über so einiges auf. Es macht mir endlich wieder Spaß weiter zu reisen und zu trampen. Zum Abschied bekomme ich selbstgezapftes Birkenwasser geschenkt, damit ich ja gesund bleibe. Im Gegenzug bittet er um ein Lebenszeichen, sobald ich an meinem nächst größeren Ziel angekommen bin. Das mache ich doch gerne! Meine Laune steigt erneut. Nicht mehr weit bis nach Tok, das schaffe ich! Und tatsächlich halten zwei junge Männer mit einem Hund für mich an. Und erneut, was für ein Zufall und Glück, fahren die beiden genau bis nach Tok. Zwei Cousins, welche von den Ölfeldern im Westen nach Hause zurückkehren. Sehr witzige Gesellschaft, die beiden. Die Zeit vergeht wie im Fluge und schon sind wir da. Einer der beiden hilft mir noch eine Unterkunft zu finden. Er meint, er kennt da jemanden, der mir helfen könnte. Wer das wohl sein mag?

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