Züge und Fenster 1/2

Ein handelsüblicher Fensterrahmen hat vier Ecken. Eine durchschnittliche Wand hat die Breite einer gespreizten Hand, das Fensterglas welches zwischen dem Rahmen in der Wand liegt jedoch nur eine Daumenbreite dick. Eine Daumenbreite ermöglicht dir also die Sicht durch eine Gespreizte Hand, gestützt durch vier Ecken.

Es ist früher morgen. Alle anderen schlafen noch, die Arbeit beginnt erst in circa einer Stunde, doch ich kann nicht mehr schlafen. Ich ziehe mir den zu großen Bademantel wieder über die Schultern und verschließe ihn, damit er nicht andauernd verrutscht. Es wird automatisch wärmer. Meine Hände fest um meine Tasse geklammert, streife ich mit dem Daumen am Henkel entlang und blicke eine Zeit lang auf meinen Kaffee. Es ist so still, dass ich mich atmen hören kann. Ich stehe im Eck des Wohnzimmers, dessen Frontseite vier große rechteckige Fenster hat. Mein Blick wechselt ab und zu zwischen Kaffeetasse und Fenster. Der Ausblick hier ist phänomenal, er fesselt dich. Jedoch traue ich mich nicht zu viel hinzusehen, denn ich habe Angst, dass es dadurch an seinem Reiz und meiner Bewunderung verliert. Es ist wie gutes Essen. Du genießt es und verschlingst es nicht. Außerdem habe ich nicht nur Angst, dass ich all das hier verschlinge, sondern es auch mich und ich mich nicht mehr wirklich davon los reißen kann. Allein bei diesem Gedanken entsteht eine riesige „Was-wäre-wenn“-Kette in meinem Kopf, welche wie ein Zug, alles was es in mir drin so finden kann mitreißt und ein Chaos verursacht, welches nicht mehr aufzuräumen ist. Schnell einen Schluck Kaffee, um die Kette und das Denken an sich unterbrechen zu können. Es knarzt hinter mir. Ich blicke über die Schulter, doch es ist noch keiner da. Es wird wohl in den Zimmern sein, die anderen sind dabei aufzustehen. Ich möchte Ihnen hier noch nicht begegnen, dadurch entsteht nur eine komische Atmosphäre und zu viel Gerede. Ich möchte noch nicht reden.

Ein letzter Blick aus dem Fenster, ein letzter Schluck aus meiner Tasse und ich gehe zurück in mein Zimmer, welches in der oberen Etage liegt. Die Einrichtung des Wohnzimmers ist rustikal und der Großteil hier aus Holz. Kein Wunder, es ist ein wunderschönes altes Blockhaus, besser könnte die Einrichtung damit nicht gewählt sein. Auch die große Treppe, welche nach oben führt, ist aus hellem, beträchtlichen Holz. Sie knarzt ein wenig. Ich schließe meine Zimmertür und ziehe mich langsam an. Es wird Zeit zur Arbeit zu gehen. Auf dem Weg nach unten husche ich nur mit striktem Blick nach vorne an den vier Fenstern vorbei, raus aus der Türe, direkt hinein in das anliegende Gebäude. Der Gedankenzug muss noch ein wenig länger auf dem Abstellgleis verbringen. Umso öfter ich diese Fenster nun passiere, desto mehr Wagons werden an den Zug angehängt und das Abstellgleis wird langsam zu kurz. Die Wagons zu prall gefüllt, sodass Einzelteile schon auf die anderen Züge überschwappen und meine restlichen Gedanken verdrängen. Alle Locks gewinnen nun an Fahrt, bleiben einfach stehen, die Weichen verstellen sich beliebig. Und schon ist es da: das Chaos, welches ich vermeiden wollte. Und im Endeffekt verschlinge ich es nicht, und es mich nicht. Ich verschlinge mich selber und bastel aus mir einen Knoten, welcher unlösbar scheint. Ich muss mich erstmal setzen.

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