Züge und Fenster 2/2

Es ist mittlerweile Abend. Ich verlasse das Haus nach getaner Arbeit, schließe die Türe hinter mir und atme tief aus. Mein Blick fällt nach links. Da ist sie wieder: diese Aussicht. Ach scheiß drauf, jetzt ist es eh schon egal. Ich laufe auf das neu gebaute Deck zu, klettere hinauf, laufe bis zum anderen Ende an dem ein Whirlpool steht und lasse mich links neben ihm nieder. Meine Füße baumeln in der Luft. Ich streiche mit meinen Händen über das neue Holz bevor ich sie hinter mir platziere, um mich auf ihnen abzustützen. Ich ziehe meine Finger leicht an, nur um zu spüren, dass sie noch da sind. Mein Blick ist nach unten auf meine Füße gerichtet und ich sehe ihnen dabei zu wie erst der linke und dann der rechte Fuß abwechselnd unter der Veranda verschwinden und wieder zum Vorschein kommen. Ich wackele leicht mit den Zehen, nur um zu sehen, dass sie noch da sind. Alles ist da, alles funktioniert. Ich bin gesund, mir geht es prächtig, doch ich fühle mich taub. Der Wind weht durch die Bäume und lässt ihr Blattwerk rascheln. Er streicht über meine Wangen, meinen Hals hinab und schließendlich durch mein Haar. Ich schließe meine Augen um besser zuhören zu können. Der Wind wird stärker und das Tösen lauter und lauter, sodass es schon fast beängstigend und respekteinflösend wirkt; gleichzeitig auch überraschend beruhigend. Die Kraft der Windböen steigt so sehr an, dass man fast denken könnte, dass jede Sekunde ein gewaltiger Sturm losbrechen könnte. Ich wünschte, eine der Windböen würde mich mitreißen und in die Lüfte tragen. Über die Baumkronen hinweg, bis zu den Bergspitzen und noch weiter hinaus. So hoch, dass die Luft fast zu dünn zum Atmen ist und die Stille so laut, dass es die Gedanken übertönt. Vielleicht würde es den Sturm in mir ja lösen.

Vogelzwitschern unterbricht ein wenig den Schrei des Windes, erfüllt die Umgebung mit Lebendigkeit und nimmt die beängstigende Stimmung. Ich pfeife leise. Sofort kommen tausende Antworten zurück und hallen durch die Berggipfel. Ich wünschte ich wäre jetzt einer von ihnen. Weit oben über den Wäldern kreisend, den Wind durch das Federkleid spüren und mich mit meinen ausgestreckten Flügeln von den Böen tragen lassen. Alles unter mir wäre so klein, alles lässt sich leicht in einem Blick erfassen. Vielleicht würde es mir helfen an Überblick zu gelangen.

Ich öffne meine Augen wieder und blicke nun starr auf den Horizont. Es ist noch hell. Die Sonne geht hier erst sehr spät unter, doch lange dauert es nicht mehr. Ich sehe der Sonne zu, wie sie langsam den Bergspitzen einen Gute-Nacht-Kuss gibt und die Baumkronen mit einer orange-schillernden Decke zudeckt. Hinter mir raschelt es, doch ich drehe mich nicht um. Irgendjemand hat das Deck betreten und ich spüre dass dieser jemand näher kommt. Erst fällt ein Schatten links von mir zu Boden, dann rechts. Sie bahnen sich schmal an mir vorbei und werden zu meinen Füßen hin wieder breiter. Im Augenwinkel sehe ich sich einen links von mir niederlassen und der andere lässt sich rechts fallen. Ich reagiere nicht. Mein Blick ist immer noch starr auf die Bergfront gerichtet. Plötzlich kreuzen zwei Hände, eine Tonic die andere Gin haltend, mein Sichtfeld. Immer noch keine Reaktion. Der Gin wackelt hin und her. „Wir haben auch noch Wein dabei.“ Erwartungsvolle Stille. Mein Blick löst sich und ich schaue erst Klaus zu meiner Rechten, dann Roman zu meiner Linken in die Augen. Na gut. Ich greife nach dem Gin und schenke uns ein. Die Anspannung der beiden löst sich sichtlich und sie sind froh darüber, dass ich Ihr Angebot, wenn auch vorerst schweigend, angenommen habe.

Wir reden, trinken und lachen. Ich weiß nicht ob es der Gin oder die gute Gesellschaft ist, aber mir geht es besser. Ich fühle mich nicht mehr taub und der Gedankenzug fährt wieder in routinierter Geschwindigkeit. Mein Blick fällt wieder auf den Horizont, welcher mittlerweile dunkelblau die hellblauen Steinbrocken umrahmt und Schwärze über die Wälder wirft. Klaus sieht mir dabei zu.

Er fängt an zu reden, seine Worte richten sich an mich. Alles andere verstummt, ich höre nur noch seine Stimme und mein Inneres. Ich erstarre ein wenig. Ich kann nicht wirklich sagen, was er genau zu mir gesagt hat, denn die Worte sind ja nur für mich. Ein Rat nur für mich, denn ich bin diesen Menschen wichtig. Ich bin wichtig, mein Leben ist wichtig und das scheine ich manchmal zu vergessen. Nach einer Weile verstummt Klaus wieder und wir blicken nun zu dritt lautlos in den Himmel.

Verdammt ist der gut.

Dabei habe ich doch nicht mal viel gesagt.

Ich exe mein Glas.

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